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Klassische Musik und alterndes Publikum: Mythos oder Realität?

Das Bild ist bekannt. Klassische Konzertsäle sind gefüllt mit weissen Haaren. Aber abgesehen von dieser kurzen Beobachtung, wie steht es wirklich um die Entwicklung des Durchschnittsalters des Publikums klassischer Musik? Was sind die Faktoren, die diese Entwicklung erklären? So einfach ist das nicht. Es folgt ein kurzer, nicht abschliessender Überblick über Expertenmeinungen in der Schweiz und in Frankreich.

Wird das Publikum immer älter, oder handelt es sich lediglich um eine Frage von Lebenszyklen?

Eine oft gehörte Begründung für die Überalterung des Publikums ist, dass es nicht verwunderlich sei, dass sich im Publikum klassischer Musik ein grosser Anteil älterer Menschen befinde. Das Alter des Publikums sei vor allem eine Frage von Lebenszyklen: Einerseits sei es schwierig, in ein klassisches Konzert zu gehen, wenn man Kinder und einen vollen Terminkalender habe, andererseits ändere sich der Musikgeschmack im Laufe des Lebens. Mit fünfzig möge man nicht mehr dieselben Dinge wie mit dreissig. Es werde in klassischen Konzerten immer einen beträchtlichen Anteil älterer Menschen geben, aber dieser Anteil werde sich mit dem Wechsel der Lebensabschnitte stetig erneuern.

Ein Publikum, dessen Alter deutlich zunimmt

Bei näherer Betrachtung der Zahlen ist dies jedoch nicht der Fall. In Frankreich wies der Soziologe Stéphane Dorin in einer 2014 durchgeführten Erhebung über das Publikum klassischer Musik (siehe alle bibliografischen Angaben unten) mit entsprechenden Zahlen auf ein alterndes Publikum hin: Das Durchschnittsalter der Besucher eines klassischen Konzerts lag 2014 bei 61 Jahren gegenüber 36 Jahren im Jahr 1981. Seiner Meinung nach sei diese Entwicklung auch in den Vereinigten Staaten zu beobachten: «Wir können [die] Entwicklung [des Durchschnittsalters des Publikums klassischer Musik] in Frankreich und in den Vereinigten Staaten über die letzten Jahrzehnte vergleichen. […] es scheint, dass das Publikum klassischer Musik zwischen den frühen 1980er und den 2010er Jahren deutlich gealtert ist.» (Dorin S., 2018).

Abbildung 1: Medianalter des Publikums nach Art des Konzerts in Frankreich 1981-2019. Quelle: Dorin, 2018 (S. 9)

Ein Medianalter von nur 36 Jahren im Jahr 1981… Ist das möglich?

Es mag schwer zu glauben sein, dass das Durchschnittsalter des klassischen Konzertpublikums 1981 nur 36 Jahre betrug. Und doch… Eine andere Studie von T.K. Hamann in Deutschland geht in die gleiche Richtung. Der Autor gibt das Durchschnittsalter des Publikums verschiedener klassischer Konzerte in Köln im Jahr 1980 an. Das Ergebnis: das Durchschnittsalter dieser Konzerte lag zwischen 37,1 und 39,0. Hamann stellt fest, dass rund zwanzig Jahre später (1998/1999) das Durchschnittsalter bei etwa 50 Jahren liegt. (Hamann T.K., 2011, S. 128-129). Diese Ergebnisse sind fast identisch mit den oben zitierten von Stéphane Dorin…[1]

Ein allgemeiner Interessenswandel?

Aber ist es in unserer alternden westlichen Gesellschaft nicht normal, dass Publika zunehmend weißhaarig werden? Liegt es nicht einfach daran, dass die Gesellschaft als Ganzes altert? Gemäss der Einschätzung von Stéphane Dorin erklärt die Überalterung der Gesellschaft allein den in Frankreich oder den Vereinigten Staaten zu beobachtenden Altersanstieg oder den Publikumsrückgang bei klassischen Konzerten nicht.

Nicht nur ein Lebenszykluseffekt, sondern auch ein Kohorteneffekt

Die Überalterung steht in engem Zusammenhang mit einem allgemeinen Interessensrückgang an so genannter Kunstmusik, die vor allem von der Babyboomer-Generation konsumiert wird. Dies ist die Schlussfolgerung, die der Soziologe in seiner Analyse vertritt: Der Musikgeschmack wird hauptsächlich in der Jugend geformt. Heute, im digitalen Zeitalter und mit der massenhaften Verbreitung von Kultur, wird die klassische Musik zugunsten anderer Stile aufgegeben.

Zu diesem Schluss kommt auch die gut belegte Studie von Thomas K. Hamann über das Publikum klassischer Musik. So sagt Hamann über das Klassik-Publikum in Deutschland: «[…] Die Hörerschaft klassischer Musik und damit das Klassikpublikum folgt hauptsächlich einem Kohorteneffekt und nicht einem Alters- oder Lebenszykluseffekt. Mit dem Aufkommen der Pop-/Rockmusik nach dem Zweiten Weltkrieg scheint sich der Rahmen der musikalischen Sozialisation zugunsten der Pop-/Rockmusik und zu Lasten der klassischen Musik verändert zu haben» (Hamann T.K., 2011).

Der Alterungsprozess ist komplexer, als es scheint

In einer von der Association Française des Orchestres (AFO) koordinierten und 2015 veröffentlichten Studie über das Orchesterpublikum betonen die Autoren die Komplexität des Themas der Überalterung des Publikums: Bestimmte Aspekte der Altersklassen bleiben relevant, um die Dynamik der Publikumserneuerung zu erklären. Die Analyse der Lebenszyklen ist daher nicht zu vernachlässigen.

Während die Autoren den Rückgang der Konzertbesucher nicht in Frage stellen, stellen sie beispielsweise fest, dass die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen im Publikum nach wie vor gut vertreten ist und dass sie nicht unempfänglich für die Programme dieser Musikinstitutionen ist (AFO, 2015). Anders verhält es sich bei der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen, die aufgrund ihres «Familien- und Berufslebens, in der für kulturelle Aktivitäten zur Verfügung stehende Freizeit eingeschränkt wird» (AFO, 2015), schwerer zu erreichen scheint.

Darüber hinaus weisen die Autoren in derselben Studie auf das Konzept der «umgekehrten sekundären Sozialisation» hin und argumentieren, dass ein Zugang zu Konzerten im Erwachsenenalter und ohne Vorbildung möglich ist. Demnach wurden 45,4 % des Publikums als Erwachsene in klassische Konzerte eingeführt. 12,5 % besuchten ein Konzert auf Anregung eines Kindes – daher der Begriff der umgekehrten Sozialisation.

Aber wenn Stéphane Dorin die These eines strukturellen Niedergangs der klassischen Musik vertritt und nicht die Hypothese von mehr oder weniger günstigen Lebenszyklen für die klassische Musik (Dorin S. , 2020), dann nennt er auch Lösungen, um sie zu entkoppeln. Er führt das Beispiel des französischen Orchesters Lamoureux an, das es dank seiner musikalischen Kindertagesstätte jungen Eltern ermöglicht, ihre Kinder während des Konzerts betreuen zu lassen und so das Durchschnittsalter auf 53 Jahre gesenkt hat. Abgesehen vom strukturellen Niedergang der klassischen Musik sind also auch Abhilfemaßnahmen möglich.

Die privilegierte Ausgangslage für klassische Musik in der Schweiz

Während sich die bisherigen Studien auf das Publikum in Frankreich konzentrieren, wie sieht es in der Schweiz aus?

Einerseits zeigen die Zahlen, dass klassische Musik gehört wird: Konzerte mit klassischer Musik «ziehen einen Viertel der Befragten an»[2] und sind die zweitbeliebteste Musikrichtung nach Pop, Rock, Metal oder Punk (BFS, 2020). Der Soziologe Olivier Moeschler, der für den Kulturbereich des BFS zuständig ist, sagt dazu: «Wir stellen regelmässig fest, dass die Zahlen der Kulturausflüge in der Schweiz höher sind als im Ausland.»

Im Jahr 2008 war jedoch klassische Musik das beliebteste Konzertgenre, noch vor Unterhaltungsmusik und Rock oder Pop. Auch wenn der Konsum klassischer Musik weiterhin wichtig ist, so scheint er doch stetig abzunehmen.

Obwohl die Schweiz eine privilegierte Stellung mit einem breiteren Zugang des Publikums zu klassischer Musik innehat, ist dies nicht selbstverständlich, und eine genauere Kenntnis des Publikums wird nützlich sein, um Strategie und Angebot zu überdenken. Kurzum, es ist wichtig, die Dynamik zwischen Publikum und Nicht-Publikum zu erkennen, um die Zukunft besser vorbereiten zu können.

Marion Lehembre
Fabien Morf
Reimar Walthert

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[1] Das tiefe Durchschnittsalter von 1980 lässt sich zum Teil mit der relativen Überpräsenz der Babyboomer gegenüber der vorangehenden Kriegsgeneration in der Bevölkerungspyramide erklären. Den anschliessenden starken Anstieg des Durchschnittsalters lässt sich jedoch nicht aus der Altersverteilung begründen.
[2] Achtung: Die Erhebungsmethoden der Studien zum Kulturverhalten in Frankreich und der Schweiz sind nicht in jedem Punkt vergleichbar.

Vollständige bibliografische Angaben :

Dorin, S. (2018). Introduction. Les publics de la musique classique à l’avant-poste des transformations de la participation culturelle à l’ère numérique. In Dorin, S. et al. (2018), Déchiffrer les publics de la musique classique. Perspectives comparatives, historiques et sociologiques. Editions des archives contemporaines. Verfügbar auf researchgate.net.

Dorin, S. (2020). Une musique qui se meurt? Les institutions musicales face au vieillissement des publics de la musique classique. Zur Zeit noch unveröffentlichter Artikel für eine Spezialausgabe «Arts et vieillissement. Les âges de la création, de la médiation et de la réception artistiques» der Revue de l’Institut de Sociologie. doi:10.13140/RG.2.2.23221.29924. Verfügbar auf researchgate.net.

Esparza, L. (2021). Le génie des Modernes. La musique au défi du XXIe siècle. Premières Loges.

Duvic, B. (2021). La musique classique intéresse-t-elle encore?. Interview mit Lionel Esparza. France Inter. 21 Mai 2021. Verfügbar auf franceinter.fr und auf youtube.com (Einzelfolge)

Hamann, T.K. (2011). Besuch von Konzerten klassischer Musik – eine Frage des Alters oder der Generation? In W. Auhagen, C. Bullerjahn & H. Höge (Hg.), Musikpsychologie. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Vol. 21: Musikselektion zur Identitätsstiftung und Emotionsmodulation. Göttingen, Deutschland: Hogrefe. Verfügbar hier.

Lombardo, P. & Wolff, L. (2020). Cinquante ans de pratiques culturelles en France. Ministère de la culture. Collection Culture études. Verfügbar auf der Seite des französischen Ministère de la Culture.

BfS. (2020). Kulturverhalten in der Schweiz. Wichtigste Ergebnisse 2019 und Vergleich mit 2014. BfS Nr. 1615-1900. Bundesamt für Statistik. Verfügbar auf der Seite des BfS.

Wolff, L. & Zunigo, X. (2015). Quand le public en cache un autre. Association françaises des Orchestres. Die Haupterkenntnisse sind hier verfügbar. Der vollständige Bericht auf issuu.com.

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