000000000

Was erwarten junge Menschen vom Museum von morgen? Eine Studie für das Musée du quai Branly – Jacques Chirac

Das Musée du quai Branly – Jacques Chirac in Paris befasst sich mit den Künsten und Kulturen Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas. Das Museum sieht seine Aufgabe darin, „Brücken zwischen den Kulturen“ zu schaffen. Wie viele andere Museen möchte das Musée du quai Branly – Jacques Chirac junge Menschen im Alter von 18 bis 25 Jahren besser kennenlernen – eine Zielgruppe, deren Erwartungen, Nutzungsgewohnheiten und Beziehung zu Kulturinstitutionen oft schwer zu erfassen sind. Aus diesem Grund hat das Museum L’Oeil du Public mit einer qualitativen Studie beauftragt, die sich auf junge Menschen konzentriert, die Museen nur selten oder gar nicht besuchen.

 

Welche Themen beschäftigen die jungen Menschen? Wofür engagieren sie sich, und welchen kulturellen Aktivitäten gehen sie nach? Welche Werte vertreten sie, und wodurch ist ihr Denken geprägt? Wie informieren sie sich, und wie blicken sie auf Informationen? Wie verstehen sie den Begriff „Kultur“? Wie nehmen sie Museen wahr, und was erwarten sie von ihnen?

Das Musée du quai Branly – Jacques Chirac beauftragte uns, diese Fragen im Rahmen einer qualitativen Studie zu untersuchen. Die Studie hatte nicht das Ziel, die gesamte junge Generation repräsentativ abzubilden. Vielmehr ging es darum, eine Gruppe von 15 jungen Menschen mit unterschiedlichen Profilen und Lebenswegen in ihren Erfahrungen, Vorstellungen und Erwartungen besser und vertieft zu verstehen. Gemeinsam mit ihnen sollten mögliche Entwicklungsrichtungen für das Museum erarbeitet werden, damit sein Angebot diese Generation besser erreicht.

Ein explorativer Ansatz, um die Vorstellungen und das Engagement junger Menschen zu verstehen und mit ihnen das Musée du quai Branly – Jacques Chirac von morgen zu denken

Die Zusammensetzung der Stichprobe ist in jeder Studie wichtig, in qualitativen Erhebungen aber besonders entscheidend. Für die Rekrutierung der 15 Teilnehmenden haben wir junge Menschen in sozial unterschiedlich geprägten Stadtteilen im Großraum Paris direkt angesprochen. Ziel war es, Menschen mit vielfältigen soziokulturellen Profilen zusammenzubringen.

Unser methodisches Vorgehen in der Studie war in drei Teile untergegliedert. Diese ermöglichten es uns, die Teilnehmenden sowohl persönlich als auch in einem dynamischen Gruppenkontext kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen die Themen zu vertiefen, die sie beschäftigten.

•  Zuerst wurde ein Gruppenchat organisiert, in dem sich die Teilnehmenden kennenlernen und offen über ihren Alltag, ihre Aktivitäten, ihre Wünsche und ihre Fragen sprechen konnten.
•  Anschließend wurde mit jeder und jedem Teilnehmenden ein Einzelinterview geführt. Ziel war es, ihren Lebensweg, ihre Persönlichkeit, ihr Engagement, ihre kulturellen Aktivitäten und ihre Sicht auf Museen besser zu verstehen
•  Zuletzt kamen die Teilnehmenden zu einer Gruppensitzung zusammen. Diese konzentrierte sich zunächst auf das bestehende Angebot des Musée du quai Branly – Jacques Chirac und öffnete sich danach für mögliche Entwicklungsrichtungen des Museums. Die Entwicklungsrichtungen waren vor der Gruppensitzung gemeinsam mit dem Museum vorbereitet worden.

Aus diesem Vorgehen entstand ein vielfältiges Material, das für die Teams des Museums konkret nutzbar war. Im Folgenden stellen wir einige Erkenntnisse aus der Studie vor.

Eine Generation, die unbegrenzten Online-Inhalten ausgesetzt ist und mit Sorge in die Zukunft blickt

Die junge Generation ist mit der zunehmenden Verbreitung des Internets aufgewachsen und nutzt es intensiv – teils mit „suchtähnlichen“ Verhaltensweisen. Sie wird in ihren Handlungen und ihren Einstellungen stark von Online-Inhalten geprägt und betrachtet die Internetkultur mit klarem Blick. Dies zeigt sich in ihrer Fähigkeit, Inhalte kritisch auszuwählen, zu bewerten und zu überprüfen. Gleichzeitig beschäftigt sie sich intensiv mit gesellschaftlichen, ökologischen und geopolitischen Fragen – insbesondere mit Desinformation, Umweltproblemen, gesellschaftlicher Polarisierung, Kriegen und den Rechten von Minderheiten. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen tritt in einer Lebensphase auf, in der die jungen Menschen zugleich in Ausbildung oder Studium erfolgreich sein und ihre berufliche Zukunft aufbauen müssen.

Die Aufmerksamkeit der jungen Generation wird stark beansprucht. Einige sprachen im Rahmen der Studie von einem „digitalen Burn-out“ und beschrieben Strategien, um Informationen zeitweise aus dem Weg zu gehen. Gleichzeitig legen die jungen Menschen großen Wert auf Momente der Ruhe, der Entspannung und des Wohlbefindens. Sie schätzen außerdem einfache Freuden und kleine Momente, wie mit einer geliebten Person aufzuwachen, zu reisen, zu lachen, zu träumen oder das zu essen, was sie am liebsten mögen.

Eine Beziehung zum Museum, die oft von unangenehmen Erinnerungen und „Pflichtbesuchen“ geprägt ist

Der wichtigste Grund für die Distanz der jungen Menschen zu Museen liegt darin, dass sie diese nicht mit einer positiven, unterhaltsamen Erfahrung oder einem Austausch auf Augenhöhe verbinden.

Museen erinnern sie oft an verpflichtende Familienbesuche und werden mit einer Form körperlichen und geistigen Unbehagens verbunden: mit Müdigkeit, Langeweile und dem Eindruck, dass die Zeit nur langsam vergeht. Hinzu kommt ein „intellektuelles Unbehagen“, das mit der vermeintlichen Dichte der Inhalte, fehlender Anregung, dem Gefühl, nicht alles zu verstehen, oder dem Eindruck, „nicht gewollt zu sein“, zusammenhängt. Interessanterweise hinterlassen Schulbesuche positivere Erinnerungen als Familienbesuche, da sie als entspannende Unterbrechung vom Schulalltag erlebt werden.

Spontane Freizeitgewohnheiten, die nur schwer mit Besuchen in großen Pariser Museen vereinbar sind

Die jungen Menschen sind es gewohnt, ihre Ausflüge spontan zu planen. Geduld und die Fähigkeit zur Vorausplanung haben abgenommen. In diesem Zusammenhang passen Museumsbesuche schlecht zu ihrem üblichen Freizeitverhalten. Reservierungspflichten und Warteschlangen werden als Hindernisse für unmittelbare Lust und Spontaneität wahrgenommen, selbst wenn der Eintritt kostenlos ist. Dabei bezogen sich die Teilnehmenden vor allem auf große Museen in ihrem direkten Wohnumfeld im Großraum Paris, bei denen längere Wartezeiten üblich sein können.

Eine ambivalente Wahrnehmung der Museumsinstitution und eine Sensibilität für kulturelle Rechte

Einige junge Menschen aus unserer Stichprobe sprachen von einem Sicherheitsgefühl, das ihnen Museen als vertrauenswürdige Instanzen und als verlässliche, stabile kulturelle Bezugspunkte vermitteln.

Dennoch werden Museen auch als sehr formelle Orte erlebt, die für eine „offizielle“ Form von Kultur stehen. Einige Teilnehmende sind der Meinung, dass andere kulturelle Ausdrucksformen wie Rap oder Comics in solchen Kontexten nur wenig Anerkennung finden. Insgesamt zeigt sich in unserer Studie ein breites und nicht-hierarchisches Kulturverständnis: Die Teilnehmenden lehnen Hierarchien zwischen verschiedenen Kulturformen ab und hinterfragen, nach welchen Kriterien ein Werk oder ein Gegenstand überhaupt als Kunst anerkannt wird. Die kritischeren unter ihnen stellen sogar die Aufgabe des Musée du quai Branly – Jacques Chirac selbst infrage. Sie fragen sich, ob die dargestellten Kulturen diese Form der Sichtbarkeit gewünscht oder ihr zugestimmt haben. Die Gespräche bewegten sich damit in einem Spannungsfeld zwischen Vertrauen in das Museum und kritischer Infragestellung seiner Rolle.

Diese Wahrnehmungen zeigen zugleich, wie wenig die jungen Menschen über Museen von heute wissen. Die Teilnehmenden unserer Studie haben ein eher klassisches Bild von Museen: Stille, stark normierte Besuchsformen, passive Betrachtung, lange Wandtexte und ein älteres Publikum. Über aktuelle Entwicklungen bei Ansätzen, Inhalten, Vermittlungsformaten, Rundgängen, Besuchserlebnissen oder Services wissen sie nur wenig. Das verweist auch auf eine kommunikative Lücke zwischen dieser Generation und den Institutionen: Museen haben Schwierigkeiten, bei der jungen Zielgruppe Gehör zu finden, Vertrauen aufzubauen und ihre Vorstellungskraft anzusprechen.

Was wünschen sich junge Menschen für das Musée du quai Branly – Jacques Chirac?

Aus den Gesprächen ergaben sich drei mögliche Entwicklungsrichtungen für das Museum von morgen.

Der Wunsch nach einem Museum, in dem man mit „lebendigen Kulturen“ in Kontakt kommt

Alle Teilnehmenden begrüßen die Idee eines überraschenden und einladenden Museums, das „lebendige“ Kulturen zeigt – statt isolierter Objekte unter Glas – und Besuchende dazu einlädt, mit den Inhalten zu interagieren. Das ästhetische Urteil tritt dabei zugunsten einer sinnlichen, immersiven und gemeinsam erlebten Erfahrung in den Hintergrund. Die Angebote können spielerisch, spektakulär, multidisziplinär und partizipativ sein. Sie müssen dafür nicht zwingend digital sein.

Ein Museum mit ethischem Anspruch und ein Museum mit glaubwürdigem Engagement

Die jungen Menschen aus unserer Stichprobe schätzen es, wenn Museen sich für gerechte und verantwortungsvolle Anliegen engagieren und Ausstellungsthemen aufgreifen, die mit großen gesellschaftlichen Fragen verbunden sind. Entsprechend hinterfragen sie die Beweggründe und Prioritäten der Museen.

Sie erwarten, dass Museen sich stärker mit den Anliegen junger Generationen verbinden, statt sich vor allem auf Werte und Themen zu beziehen, die frühere Generationen geprägt haben. Gleichzeitig zeigen diese Erwartungen – wie bereits erwähnt – auch eine begrenzte Kenntnis der Inhalte und Angebote, die Museen heute tatsächlich entwickeln und vermitteln.

Eine unbewusste Sehnsucht nach einem Museum als „Schutzraum“

Indirekt zeigt sich auch der Wunsch nach Ruhe und Wohlbefinden. Er verweist auf Sorgen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und (geo-)politischen Entwicklungen. Ein Museum als „Schutzraum“ könnte Orte körperlicher und psychischer Beruhigung bieten und mit dem Klischee aufräumen, dass Museen anstrengend sind.

Diese Überlegung führt dazu, die Bedingungen unter denen Besuchende Werken begegnen zu hinterfragen: Aktuelle Bedingungen fördern nicht immer das Wohlbefinden und ermöglichen es den Besuchenden nicht unbedingt, in Ruhe in die Inhalte einzutauchen. Der Gedanke lädt außerdem dazu ein, Inklusionsangebote und partizipative Ansätze für junge Menschen weiterzudenken.

Ariane Lacas | Hendrik Heidbüchel
© L’Oeil du Public

Folgen Sie unseren Social-Media-Kanälen!

* Pflichtfelder

Melden Sie sich für unseren Newsletter an!

    FrauHerr

    Gerne abonniere ich den Newsletter für die Schweiz / Deutschland / ÖsterreichGerne abonniere ich den Newsletter für Frankreich / Belgien

    Share via
    Copy link
    Powered by Social Snap